Osterreise nach Indien 2008

Von Kolkata war die Reisegruppe besonders beeindruckt: Zum einen vom Besuch des Mutterhauses der Mutter Teresa Schwestern, zum anderen vom Besuch  bei den Müllkindern. Bewegt knieten wir am Grab von Mutter Teresa, einer Heiligen, die die Nachfolge Jesu radikal lebte. Genauso tief beeindruckte die Gruppe der Besuch im Sterbehaus.
Zum anschließenden Besuch der sogenannten Müllkinder von Kolkata war nur noch ein Teil in der Lage, dies mit eigenen Augen anzusehen. Etwa 15.000 Menschen leben zwischen Bahngleisen und Abwasserkanälen. Menschen, die aus Bangladesh aufgrund der Überschwemmungen geflohen sind, werden in Kolkata aber nicht als Migranten aufgenommen. Deshalb sieht sich der indische Staat auch nicht verpflichtet, Hilfe zu leisten.
Viel Elend habe ich während meiner Reisen in Indien gesehen. Dies jedoch übertraf alles Bisherige und ich war zu tiefst erschüttert. Der Vorstand unseres Vereins stimmte zu, hier Hilfe zu leisten, sobald Frau Lobo Bader, Mitarbeiterin bei Misereor aus Indien zurückkommt. Als gebürtige Inderin sieht sie am ehesten, wo und wie das Geld eingesetzt werden kann.
HaMaDi

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Sonderreise nach Bihar in Nord-Indien 2002

Vom 02. bis 10. März 2002 konnte ich mit Herrn Pütter (Beauftragter von Misereor) und Herrn Dr. Markus Ege im Auftrag der Hilfsorganisation Misereor Nord-Bihar besuchen. Vom Oberschulamt Tübingen bekam ich dafür eigens eine Woche Sonderurlaub. Über Delhi und Patna, der Hauptstadt Bihars, ging die Fahrt zuerst nach Muzaffarpur, dem Bischofssitz der von uns besuchten Diözese. Da der zuständige Bischof auf der Bischofskonferenz in Punjab war, durften wir seinen Geländewagen benützen. Dies war wirklich notwendig, um auf den Straßen voranzukommen. Für eine 135 km lange Wegstrecke benötigten wir immerhin sieben Stunden, denn die Beschaffenheit der Straßen lässt eine höhere Geschwindigkeit nicht zu. Spät abends erreichten wir Madhunbani. Untergebracht wurden wir im Zentrum Phabat Bhavan, das übersetzt "Bewusstseinszentrum" heißt, ein treffender Begriff für die Arbeit an den Ärmsten der Armen. Father Sudeep, der Leiter des Zentrums und Father Prashant versuchen mit Hilfe dreier Angestellten und einiger Priesteramtskandidaten, die Menschen in den Dörfern zu befreien. Was ist darunter zu verstehen? Nun, die Menschen in den Dörfern dieser Gegend gehören größtenteils den Kastenlosen, den sogenannten Dalits, an. Es sind Menschen, die ohne jegliches Recht leben müssen. Für die Arbeit auf den Feldern bei den "Landlords" bekommen sie keine Entlohnung, sondern die Erlaubnis, Ratten fangen zu dürfen. Als weitere "Entlohnung" dürfen die Frauen die Vorratslager der gefangenen Ratten, in denen sich meist Reis befindet, ausräumen und verzehren. Da diese Menschen kein Geld besitzen, jedoch für die Mitgift ihrer Töchter Geld benötigen, müssen sie Darlehen aufnehmen. Dies geschieht oftmals zu einem Zinssatz von bis zu 35 % pro Tag. Für die Dalits, die weder lesen noch rechnen können, ist es unmöglich, diesen Zinssatz zu überprüfen. So wächst dann die Schuld innerhalb von zwei Jahren auf Millionen Euro an und kann nie mehr zurückbezahlt werden. Als Pfand fordern die Geldverleiher die Kinder, die dann in unmenschlichen Bedingungen bis zu 14 Stunden am Tag, meist in der Teppichindustrie, arbeiten müssen. Sind die Eltern zur Herausgabe ihrer Kinder nicht bereit, so wird die ganze Familie in der Hütte umgebracht (angezündet). Sozialarbeiter, sogenannte "Animateure", gehen nun im Auftrag von Father Sudeep in die Dörfer, reden mit den Frauen und versuchen, sie zu überzeugen, dass ihnen ein gerechter Lohn zusteht, der von der Regierung als Mindestlohn garantiert wird (umgerechnet etwa 20 Euro pro Monat bei zehn Stunden täglicher Arbeitszeit). Wenn Familien nun Geld leihen müssen, werden sie beraten und meist günstige Konditionen ausgehandelt. Diese Dalit-Frauen wählen pro Dorf eine Sprecherin, die von Father Sudeep weiter geschult wird. Durch diese Sprecherin werden dann die Frauen über ihre Rechte aufgeklärt. Sind die Frauen so weit "befreit", erklären sie sich auch bereit, ihre Kinder in die Grundschule, anstatt zur Arbeit zu schicken. Groß ist auch der Zusammenhalt der Dalits untereinander, was ihnen eine gewisse Sicherheit verleiht. Es ist nur zu verständlich, dass Father Sudeep anfangs Polizeischutz in Anspruch nehmen musste, da er in den Augen der Großgrundbesitzer und Großindustriellen als Feind angesehen wurde, brachte er sie doch um den "guten Verdienst" der ohne Bezahlung arbeitenden Menschen. Gott sei Dank ist der Gouverneur gegenüber der Arbeit von Father Sudeep äußerst positiv eingestellt, ja selbst der Polizeipräfekt unterstützt diese Befreiungsaktionen. Während unseres Aufenthaltes konnten wir neun befreite Dörfer besuchen. Es war ergreifend, wie die Frauen auf uns zukamen, um uns die Hand zu geben, eine Geste, die normalerweise völlig unüblich ist. Selbstverständlich wurde uns in jedem Dorf Tee gereicht. Frauen reden mit Fremden, welch eine Revolution in den Köpfen dieser Menschen. Ist das Vertrauen zu den Familien hergestellt, verraten sie uns, wer ihre Kinder weggenommen hat und wohin sie gebracht wurden. Mit viel Mühe lässt sich oftmals der Weg zurückverfolgen, um das Kind, sagen wir es ruhig, aus der Sklaverei zu befreien. Dies wiederum ist allerdings nur mit Hilfe der Bundespolizei möglich. Oft arbeiten die Kinder in anderen Bundesstaaten oder in Nepal, und eine Rückführung wird nicht mehr möglich. Da Misereor häufig mehrere Kinder in menschenunwürdigen Verhältnissen arbeitend vorfindet und das zu suchende Kind gar nicht ausfindig machen kann, (es hat seine Muttersprache bereits verlernt), werden alle in ein Heim aufgenommen, gepflegt und eingeschult. Für viele ist es das erste Mal, dass sie Kind sein dürfen. Für jedes befreite Kind zahlt der indische Staat 1.500 Rupien, was etwa 20 Euro entspricht. Das ist viel Geld für die Familien, wenn man das Einkommen betrachtet. Diese Eindrücke während der vier Tage haben ihre tiefen Spuren hinterlassen, ja, werden wohl unser Leben nachhaltig beeinflussen. Wer diese Not gesehen hat, kann einfach nicht mehr gleichgültig zur Tagesordnung übergehen. Dankbar bin ich, dass ich zum ersten Mal diese Not auch am eigenen Leib verspüren konnte. Auf der letzten Vorstandssitzung zeigten sich alle sehr aufgeschlossen für den Vorschlag, weitere 50 Dörfer zu "befreien". Um hier arbeiten zu können, bedarf es allerdings weiterer großer Spendenaufkommen. Deshalb sage ich allen im Namen all der vielen armen Familien, vor allem der armen Kinder, für die bisherige Hilfe ein aufrichtiges Vergelt's Gott, vertrauend, dass Sie auch weiterhin unsere Arbeit unterstützen werden.
Hans-Martin Diemer