Billig-Grabsteine aus Kinderhand
(Originalartikel bei  http://www.wz-newsline.de)

 

Die meisten Grabmale kommen fix und fertig aus Indien. Nur der Name des Toten muss noch eingraviert werden. (Foto: imago)
Die Globalisierung macht auch vor deutschen Friedhöfen nicht Halt. Der Neusser Kommunalpolitiker Frank Jahn prangert die Ausbeutung in Indien an.

Neuss. Die dumpfen Schläge der Hämmer gegen Granit, das ohrenbetäubende Rattern der Pressluftbohrer, das Kreischen der Sägen ersticken jedes Wort. Der Staub verklebt die Augen und verstopft die Lungen. Die Luft zwischen den Wänden des Steinbruchs flirrt wie im Backofen. Dazwischen die Kinder an Pressluftbohrern, in Gummilatschen mit zerrissenen Hemden, eingezwängt zwischen den Felsblöcken. Zu dritt oder viert stehen sie an den bis zu 45 Kilogramm schweren Maschinen, die so groß sind wie sie selber.
Benjamin Pütter, Kinderarbeitsexperte von Misereor aus Aachen, berichtet von einem Horrortrip. Als Großhändler getarnt hat der evangelische Theologe die Steinbrüche in Südindien besucht. Zwei Drittel der Arbeiter sind Kinder. Dabei ist in Indien Kinderarbeit verboten. "Die jüngsten sind 11 oder 12, die ältesten 15 oder 16 Jahre alt. Sie arbeiten oft in Schuldknechtschaft für ihre verschuldeten Familie." Die Kinder leben unter Plastikplanen, Hunderte von Kilometern von ihren Eltern und Heimatdörfern entfernt.

Mit dem Granit, den die kleinen Leibeigenen brechen und von Hand mit Stahlwolle polieren, wird die rasant steigende internationale Nachfrage befriedigt. Deutschland gehört zu den weltweit größten Importeuren indischer Natursteine, wovon ein großer Teil für Grabsteine genutzt wird. "Zwei Drittel aller Grabsteine in Deutschland kommen aus Indien", so das Entwicklungshilfswerk Misereor.
Grund ist der unschlagbar billige Preis, von dem allerdings nicht in erster Linie die Angehörigen der Verstorbenen profitieren. Experten sprechen von 500-prozentigen Gewinnmargen der Wiederverkäufer. Geladen haben sie ganze Container voller Fertigware.
Der Neusser Ratsherr Frank Jahn war auf den Grabstein-Export durch eine TV-Sendung aufmerksam geworden. "Es ist offensichtlich gängige Praxis, dass deutsche Steinmetze fertige Grabsteine bestellen, in die sie hier nur noch die Namen eingravieren", so der SPD-Politiker. Diese "ausbeuterische Praxis" dürfte von den Kommunen auf keinen Fall unterstützt werden.
Jahn: "In den Friedhofssatzungen der Städte sollte festgeschrieben werden, dass ausschließlich Grabsteine mit dem so genannten Xertifix-Zertifikat aufgestellt werden dürfen." Dieses neue Label würde sicherstellen, dass die Steine ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. "Ein Xertifix-Stein kostet nur drei Prozent mehr als ein herkömmlicher Grabstein", so der Kommunalpolitiker. Diese Summe werde in die Überwachung der Steinbrüche und des Transports sowie in Projekte investiert, die den Kindern in Indien zugute kommen.
Der Bundesinnungsverband der Steinmetzhandwerker, der Deutsche Naturwerkstein Verband und die IG Bau unterstützten das Engagement. Sie verlangen von den Lieferanten eine ausdrückliche Erklärung, dass aus Indien importierte Grabsteine garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt worden sind.
Und es gibt Erfolge: Mit Hilfe von Misereor und der indischen Steinbrucharbeiter-Organisation Qwarids haben ehemalige Schuldknechte nahe der Stadt Bangalore eine Genossenschaft gegründet und die Konzession für den Granitabbau erworben. Die mühsamen Arbeiten, für die bislang die Kinder zuständig waren, erledigen heute Maschinen. Die Lebenssituation in den Dörfern hat sich verbessert, endlich entstehen Schulen.
"In den herkömmlichen Steinbrüchen ist das einzige Spielzeug der Kinder ein Hammer. Mit dem Alter wächst die Größe des Hammers. Das ist oft die einzige Entwicklung in ihrem Leben", sagt Benjamin Pütter. "Für mich ist der Platz der Kinder nicht in den Steinbrüchen, sondern in den Schulen."

XERTIFIX

  • Das neue Gütesiegel Xertifix sichert, dass die Gewinnung des Rohmaterials und die Weiterverarbeitung ohne Kinder- und Sklavenarbeit durchgeführt wird. Xertifix kontrolliert, dass die Konvention 182 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über die schlimmsten Formen ausbeuterischer Kinderarbeit eingehalten wird. Unabhängige Kontrolleure besuchen unangekündigt die Steinbrüche und überwachen die gesamte Wertschöpfungskette in Indien.
    Für die Kontrollen sorgt ein auf Initiative von Steinmetzen und Misereor gegründeter unabhängiger Verein, dem Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm vorsteht, und in dem Hilfswerke, Steinmetze, beteiligte Firmen, die Gewerkschaft IG Bau und Prominente wie etwa Klaus-Maria Brandauer die Aufsicht führen.

     

  • Wer das Gütesiegel verwendet, verpflichtet sich, in einen Fonds einzuzahlen. Mit dem Geld soll die Infrastruktur vor Ort verbessert werden. Damit könnte das positive Beispiel der Associated Stone Industries in Rajasthan zur Regel werden. Die Firma existiert seit 1945 und ist höchst erfolgreich auf dem Weltmarkt. Für die 5000 Arbeiter wurden Siedlungen, eine Klinik, freie Schulen und sogar ein College geschaffen.

     

  • Internet: www.xertifix.de

    21.03.06
    Von Michael Hammes